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Am frühen Morgen des 28. September 1972 wachte ich mit leicht ziehenden Schmerzen im Unterleib auf. Zuerst dachte ich: ,,Was ist denn das? Es wird hoffentlich bald wieder aufhören." Zunächst schien es tatsächlich so, erleichtert atmete ich auf und drehte mich zur Seite um weiterzuschlafen. Doch der Schein trog - nach einiger Zeit kam der Schmerz zurück, so sehr ich auch wünschte, dass er vergehen sollte. Da war sie wieder, die schreckliche Angst, die immer häufiger Besitz von mir ergriff und die stetige Frage: Warum geht es mir so schlecht? Jetzt sprach ich wieder mit Gott, erinnerte ihn daran, alles getan zu haben was man von mir verlangt hatte und dass ich immer brav gewesen war. Warum ging es mir jetzt so schlecht? Die Bedrohung, die ich die letzten Wochen schon gespürt hatte, war jetzt greifbar nahe.

Nach dem Frühstück sollte ich mich wieder mit Bernd treffen. Zum Glück wartete er diesmal gleich um die Ecke, weit konnte ich heute sicher nicht gehen. Hanna sah mich prüfend an: ,,Ist auch alles in Ordnung mit Dir?"

,,Ja ja, mir geht es gut", antwortete ich und versuchte, alles so normal wie möglich aussehen zu lassen. Nur nicht zugeben, wie schlecht es tatsächlich um mich bestellt war.

Jetzt kamen die Schmerzen bereits wellenartig, verfolgten mich geradezu. Mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, versuchte ich, mir nichts anmerken zu lassen. Bei jeder Schmerzwelle, die mich überrollte, ging ich zur Toilette oder auf den Flur, um dort ein Abklingen abzuwarten. Natürlich fiel mein merkwürdiges Verhalten auf, sodass mich die beiden Frauen immer wieder fragten: ,,Anita, geht es dir nicht gut?"

,,Doch, doch, es passt alles", antwortete ich immer wieder.

,,Dann ist es ja gut. Wenn dir etwas weh tut, musst du es uns aber gleich sagen", ließen die beiden nicht locker.

,,Ja, das werde ich ... bestimmt." Doch noch während ich antwortete musste ich schon wieder raus. Ich wollte auf gar keinen Fall ins Krankenhaus. Es war die Hölle für mich. Nur noch davonlaufen, nichts mehr hören und sehen, keine Quälereien und Ängste ertragen müssen. Es war höchste Zeit, hinauszukommen, sonst würden sie mich zurückhalten. Ich lief die zwei Stockwerke hinunter so gut es ging, bis zur nächsten Wehe. Am Stiegengeländer festgeklammert, krümmte und wand ich mich vor Schmerzen. Lieber Gott, lass nur jetzt niemanden kommen, flehte ich. Das war geschafft. Die Strecke bis zur Hausecke, wo Bernd auf mich warten würde, musste ich noch hinkriegen. Ich holte tief Luft und ging so schnell es mir möglich war die Straße entlang. Beim Auto angekommen, war schon die nächste Wehe da.

,,Was ist denn los mit dir?" Bernd wirkte ebenfalls nervös.

,,Ich habe solche Schmerzen, es tut so weh!" Das war jetzt nicht mehr meine Stimme, sondern der Hilferuf einer Ertrinkenden.

 Jetzt wurde Bernd auch noch barsch:,, Warum kommst du noch her? Wärst du doch dort geblieben. Was soll ich denn jetzt mit dir anfangen?", schimpfte er und löste damit zu allem Überfluss noch ein schlechtes Gewissen bei mir aus. ,,Wo soll ich denn mit dir hinfahren, die Leute schauen schon alle, die vermuten sonst noch was. Nein, das geht nicht, ich werde dich zurückbringen!", polterte er weiter.

,,Nein, nur das nicht, ich habe doch solche Angst!", flehte ich. Wieder krümmte und wand ich mich. Der Schmerz war so stark, vom Oberbauch bis zu den Leisten hinab zur Scheide suchte er seinen Weg. Der Wettlauf mit der Zeit hatte begonnen. Das Kind, das ich seit neun Monaten in mir trug, drückte mit der Kraft, leben zu wollen, nach unten. Eine Lawine aus Angst und schmerzlicher Erwartung begann sich zu lösen ...

Bernd begleitete mich noch bis zum Stiegenaufgang des Wohnheimes, murmelte noch ,,Alles Gute" und machte sich aus dem Staub. Voller Angst und Traurigkeit blickte ich ihm nach. Alleine und ohne Schutz eines vertrauten Menschen blieb ich zurück. Ich kam kaum noch die Treppen hoch.

Beim Betreten der Wohnung sah Frau Stangl sofort, in welchem Zustand ich mich befand.

,,Anita, jetzt wird es Zeit, dass wir ins Krankenhaus fahren".

,,Warum denn?" Ich wollte es nicht wahrhaben, obwohl ich in meinem Innersten längst wusste, dass es kein Zurück mehr gab.

,,Dein Baby will auf die Welt kommen! Pack deine Waschsachen und Hausschuhe ein, wir fahren gleich", gab Frau Stangl sehr bestimmt zur Antwort.

Hanna wünschte mir alles Gute. Mitgefühl und Verständnis zeigte ihr Gesichtsausdruck. Nun saß ich im Auto, in einem Abstand von sechs Minuten kamen die Wehen. Bald würden wir in der Klinik sein - und davor hatte ich die meiste Angst. Als ich noch klein und häufig krank war, drohte mir meine Mutter immer mit dem Krankenhaus. Immer dann, wenn ich meine Medikamente nicht nehmen wollte, sagte sie: ,,Dann kommst du ins Spital, die haben keine Geduld, da wirst du dich schön anschauen. Dann bekommst du halt Spritzen, wirst schon sehen, wie weh das tut!"

Mechanisch und wie in Vakuum verpackt glitten die nächsten Stunden an mir vorüber. An der Zufahrt zur Universitätsklinik befand sich eine Schranke mit Pförtnerhäuschen. Der Pförtner trat heraus und fragte: ,,Wo wollen Sie denn hin?"

,,Zur Entbindungsstation", sagte Frau Stangl.

Der Mann blickte auf ihren Bauch und sagte ungläubig: ,,Sie erlauben sich wohl einen Scherz mit mir?"

,,Nein, natürlich nicht ich, das junge Mädchen neben mir muss zur Entbindung", erwiderte sie schmunzelnd. Verwundert überzeugte er sich von meinem Zustand, öffnete die Schranke und ließ uns durchfahren. Direkt vor der Frauenabteilung hielten wir an. Gemeinsam gingen wir zur Anmeldung und mit den Worten: ,,Grüß Gott, das junge Mädchen kommt zur Entbindung", überließ mich Frau Stangl der Krankenschwester. Mir gab sie noch die Hand und sagte: ,,Alles Gute für dich und dein Baby. Ich werde dich in den nächsten Tagen besuchen."

Allein, mit meiner Tasche und dem Krankenschein in der Hand, stand ich nun da. Mein Gegenüber in Schwesterntracht musterte mich mit einem abfälligen Blick. ,,Hast du einen Krankenschein?", fragte sie in forschem Ton.

,,Ja", antwortete ich leise und völlig verunsichert.

Sie blickte über ihren Brillenrand verwundert auf mich und dann wieder auf mein Geburtsdatum im Krankenschein: ,,Das kann doch nicht stimmen, da hat sich wohl jemand verschrieben; das kann doch nur 1953 heißen - na, so etwas", schüttelte sie den Kopf.


,,Nein, 1958 stimmt schon", berichtigte ich, ohne den Blick zu heben. Sie riss die Augen auf, sah mich an - und wie von einer Tarantel gestochen verließ sie fluchtartig das Zimmer.

Jetzt war mir die Krankenschwester auch noch davongelaufen! Mit Wehen im Minutentakt stand ich hier und wartete. Nach einer Weile kam sie in Begleitung einer anderen Schwester wieder. Sie trauten ihren Augen nicht, prüften gemeinsam die Daten und mit den Worten ,,Das ist ja unglaublich" rauschte ihre Begleitung wieder ab. Aufgebracht versuchte nun die Krankenschwester, ihrer Arbeit nachzugehen und mich aufzunehmen.

,,Hast du schon Wehen?" Bei dieser Frage blickte sie mich herablassend an. Im selben Moment fiel ich in einen Wehenschmerz. ,,Ja!", bestätigte sie sich selbst. Dann stellte sie noch ein paar versicherungstechnische Fragen. Unterdessen kamen unentwegt weitere weiß gekleidete Personen in den Raum, um mich zu begutachten. Wie ein Lauffeuer muss es durch die Klinik gegangen sein, dass hier und jetzt eine Dreizehnjährige ein Kind bekam. Sensationslüstern bedachten sie mich mit unfreundlichen Kommentaren, ehe sie wieder abdampften. Jetzt war mir bewusst, dass ich mich in einer Welt der Erwachsenen befand, die mir die Schuld an dem Versagen meiner Eltern gab. Alleingelassen musste ich auch noch den Hohn und die Schadenfreude dieser Leute ertragen.

Zur Formalität gehörte auch die Frage: ,,Wer ist der Kindesvater?" ,worauf ich zur Antwort gab: ,,Das weiß ich nicht." Sie konnten nicht wissen, dass meine Eltern und Bernd mir immer wieder eingebläut hatten, unter gar keinen Umständen den Namen von ,,Berndi" zu verraten - egal, wer danach verlangen würde. Ansonsten würde ich schuld sein, wenn Bernd durch meine Aussage ins Gefängnis müsse.

Sie waren sich also durchaus des Kindesmissbrauchs bewusst, den Bernd an mir begangen hatte und den sie gefördert hatten. 

Unter dieser Drohung hätte man mich erschlagen müssen, ehe ich den Namen verraten hätte, Der Schwester wurde schnell klar, dass ihre Bemühungen erfolglos blieben: ,,Na, dann halt nicht, man wird dich schon zum Reden bringen. Komm, wir gehen in den Kreißsaal, du musst ja untersucht werden." Auf dem Weg dorthin gafften mich ständig irgendwelche Leute an, um hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln.

Die Wehen folgten nun rasch aufeinander, alles in mir drückte nach unten, so als müsste ich ständig aufs Klo - nur viel, viel schlimmer.

Ein großes Zimmer, mit vielen Betten, durch Vorhänge voneinander getrennt, das war der Kreißsaal. In eine dieser vielen Kabinen führte man mich hinein.

Eine ältere, dunkelhaarige Frau, die Hebamme, wie sich später herausstellte, wendete sich an mich: ,,Zieh deine Kleidung aus, auch deine Unterhose. Dort auf den Sessel kannst du deine Sachen hinlegen. Ich bringe dir ein Hemd, das wird hinten zugebunden."

Sie war zumindest nicht ganz so unfreundlich wie die Frau zuvor.

Inzwischen lag ich auf dem Bett, um mich herum drängelten sich viele weiß gekleidete Gestalten. Aus der Gruppe löste sich ein Mann, kam auf mich zu und sagte: ,,Mach deinen rechten Arm frei!" Gott, was würde denn jetzt passieren? Nein, nur keine Spritze! Aber ehe ich mich versah, hatte ich die Nadel schon im Fleisch und mein Blut floss. Kaum war das geschafft, spürte ich auf höchst unangenehme Weise einen Finger in meinem Genital: ,,Sie hat ein enges Becken, da werden wir unter Umständen einen Kaiserschnitt setzen müssen", wandte sich der Untersuchende an seine umstehenden Kolleginnen und Kollegen. Ich spürte, wie die vielen Menschen, die am Fußende meines Bettes standen, in Aufregung gerieten. ,,Der Oberarzt muss verständigt werden", hörte ich eine Stimme rufen. Ein weiterer Weißgekleideter trat jetzt mit einer Schüssel Rasierschaum und einem Rasiermesser an mich heran. Er schob das Hemd auf meinen Bauch zurück, dann begann er wort- und teilnahmslos, meine noch kaum sichtbare, kindliche Scham mit dem Rasierschaum zu bestreichen, um sie anschließend zu rasieren.

,,Hat man den Oberarzt schon gefunden?", fragte ein heraneilender Arzt. Es war später Nachmittag und der Oberarzt hatte das Haus bereits verlassen. Es erwies sich als schwierig, den Herrn zu erreichen, obwohl sie sich in ihrem eigenen Interesse sehr bemühten. Niemand interessierte sich mehr für mich, keiner half mir, meine Angst zu schwächen. Ich hatte keine Vorstellung, wie schlimm es noch werden würde. Unwissend, ohne Trost und Mitgefühl, zitterte und wimmerte ich vor mich hin. Immerzu biss ich auf meinen Brillenbügel, wenn ich wieder in einen Wehenschmerz fiel.

In dieser Phase flehte ich nach meiner Mama. Aus dem Menschenknäuel löste sich eine korpulente, dunkelhaarige, ältere Frau und trat dicht an mich heran: ,,Wer ist der Vater deines Kindes?", herrschte sie mich an.

,,Ich weiß es nicht", presste ich trotzig hervor.

,,Ja, du wirst doch nicht so blöd sein, da geht es doch auch um den Unterhalt für dein Kind. Hörst du?" Ihre Fragen wurden immer drängender, je mehr ich mich verschloss. Ich hatte das Gefühl, in Stücke gerissen zu werden und diese Person nutzte die Gelegenheit und quälte mich zusätzlich mit Fragen, die ich nicht beantworten durfte.

Die Hebamme schließlich erbarmte sich meiner und sprach mit mir: ,,Den größten Teil der Arbeit hast du schon geschafft, was jetzt noch kommt, ist nicht mehr so schlimm."

Verzweifelt suchte ich nach ihrer Hand, um mich während der nächsten Wehe festzuhalten. Eigentlich war es ihr unangenehm, ich sollte ja leiden, um für meine Schandtaten zu büßen. Nur für einen kurzen Moment zeigte sie Mitgefühl und gewährte mir ihre Hand. Ihre Worte hatten mich etwas beruhigt. Der Oberarzt war nicht aufzutreiben, jetzt war auch der Geburtsvorgang schon zu weit fortgeschritten, man konnte nicht mehr warten. Mit einer großen, kalten Zange wurde mir die Fruchtblase aufgezwickt. Ich hörte ein Knacksen und im selben Augenblick schoss eine Menge warmes Wasser aus meiner Scheide entlang meiner Oberschenkel. 

Ungerührt bombardierte mich unterdessen die Fürsorgerin weiter mit ihren Fragen: ,,Nun, wirst du mir jetzt sagen, wer der Vater deines Kindes ist?"

In meiner Verzweiflung überkam mich eine plötzliche Wut, die mir den Mut gab zu antworten: ,,Lassen sie mich doch in Ruhe  mein Kind kriegen!" - Erzürnt keifte sie: ,,Ich werde dich schon noch klein kriegen, warte nur!"

Die Hektik der Beteiligten, die bohrenden Fragen, meine Schmerzen, all das trat jetzt in den Hintergrund, das Wesentliche war jetzt die Konzentration auf den Geburtsvorgang. Der Muttermund war schon einige Zentimeter geöffnet, die Hebamme meinte jetzt: ,,Ich kann schon den Kopf sehen."

,,Hat es Haare?", wollte ich wissen.

,,Ja, ganz viele schwarze." Die Stimme der Hebamme klang beruhigend.

Ich dachte für mich: Gut, das ist schön, das war doch mein Wunsch, ein Baby mit vielen Haaren.

,,Jetzt musst du pressen, pressen, wenn ich es sage! Hörst du mich, es ist gleich vorbei", vernahm ich die klaren professionellen Anweisungen der Hebamme. Der Ausgang meiner Scheide dehnte sich nicht genug. Wortlos führte der Arzt einen Dammschnitt durch. Ein kurzer, brennender Schmerz, von da an ging alles sehr schnell. Ich presste, wenn der Befehl kam und nach vier bis fünf Wehen spürte ich etwas Großes, Warmes aus meinem Körper gleiten. Es war 16.30 Uhr, am 28. September 1972.

,,Es ist ein Mädchen", hörte ich die Hebamme noch sagen.

In diesem Augenblick wurde mein weiterer Lebensablauf für viele Jahre vorbestimmt.

Ein Gefühl von Glück und Frieden machte sich in mir breit, ich hatte etwas ganz Großes geschafft. Alles, was jetzt kam, war leicht. Ein besonderer Wandel hatte sich in mir vollzogen. Ich hatte Jahre meiner noch bevorstehenden Kindheit zurückgelassen - und der Urinstinkt, Mutter zu sein, war geboren.